Auch dieses Jahr fand wieder ein „Annaberggedenken“ statt. Passant_innen hatten schon am Sonntag von einem großen Polizeiaufgebot berichtet und von „verdächtigen“ Personen am Weinberg. Ein Bericht über das Gedenken auf der Seite des „Ring Nationaler Frauen“, dem Frauenverbund der NPD bestätigt den Verdacht, dass es sich um das rechte „Annaberggedenken“ handelte.
Auch dieses Jahr ging das Gedenken von dem Kameradschaftsführer der „Kameradschaft Freikorps und Bund Oberland“ Jürgen Popp (Rosenheim) aus. Laut Informationen aus der Gemeinde seien etwa 90 Personen anwesend gewesen, die nach dem Besuch am Weinberg in der Schlierseer Gaststätte „Terofal“ gefeiert hätten. Das Gedenken sei angeblich nicht angemeldet gewesen.
Schliersee und das rechte Gedenken
Noch bis vor wenigen Jahren war das rechte Gedenken im offiziellen Gemeindekalender angekündigt gewesen. Seit Jahrzehnten trafen sich am Schlierseer Weinberg Alt- und Neonazis um gemeinsam mit der „Landsmannschaft der Oberschlesier“ den Rechtsterroristen des „Freikorps Oberland“ zu gedenken, die 1921 in der Schlacht um den Annaberg in Polen gefallen waren. Während des Nationalsozialismus fanden zu diesem Anlass in Schliersee riesige Aufmärsche statt, bei denen auch Hitler persönlich anwesend war. Das „Annaberggedenken“ ist in der Gegenwart eine der wenigen Veranstaltungen, bei denen die Vertriebenenverbände, dich sich von Alt- und Neonazis offiziell abgrenzen, gemeinsam mit ihnen auftreten. Bei dem rechten Gedenken waren bis zu 150 Teilnehmer_innen anwesend. Historische Hintergründe zum „Annaberggedenken“ und zu den beteiligten Gruppen in der Gegenwart findet ihr hier.
Im Jahr 2005 wurden erstmals kritische Stimmen gegen das „Annaberggedenken“ laut, im Jahr 2007 fand eine Demonstration, die vom „Bündnis gegen rechtsextreme Umtriebe im Oberland“ organisiert worden war, gegen das „Annaberggedenken“ statt. Der Miesbacher Merkur titelte über die Demonstration „Nie, nie wieder Deutschland“ und bediente kräftig die Ressentiments der konservativen Schlierseer_innen.
Aus Angst um weitere Proteste versuchte die Gemeinde Schliersee in den darauffolgenden Jahren so einiges, um diese zu verhindern. Dabei ging es offensichtlich jedoch nicht darum, das rechte Gedenken zu verhindern, sondern die Proteste. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem „Annaberggedenken“ und der rechten Gedenktafel am Weinberg fanden nicht statt. Auch die Oberschlesier_innen fühlten sich angesichts von drohenden Protesten nicht wohl, und begingen das „Annaberggedenken“ nicht mehr öffentlich. In den Jahren 2008 und 2009 fanden deshalb keine großen öffentlichen Gedenken statt, dafür aber viele kleine. So mobilisierte die „Junge Landsmannschaft Ostdeutschland“, die alljährlich einen der größten Naziaufmärsche in Europa organisiert nach Schliersee, die geschichtsrevisionistische „Aktion Vergessen“ unter Jürgen Hösl-Daum, der in Polen wegen „Rassenhass“ angeklagt ist und auch die „Kameradschaft Freikorps und Bund Oberland“
und einzelne Vertreter der „Landsmannschaft der Oberschlesier“ ließen sich das Gedenken nicht nehmen. Zusätzlich wurden mehrfach in Schliersee geschichtsrevisionistische Flyer mit eindeutigen nazistischen Inhalt verteilt. Angesicht dessen, dass das Gedenken jeweils nur in kleinen Gruppen und ohne offizielle Ankündigungen stattfand, konnte nur wenig von Gegner_innenseite her ausgerichtet werden. Im Jahr 2008 wurde noch zum „antifaschistischen Picknic“ am Fuße des Weinbergs geladen. 2009 fanden keine angekündigten Proteste statt, da das „Bündnis gegen rechtsextreme Umtriebe im Oberland“ sich auf eine Abmachung mit Bürgermeister Franz Schnitzenbaumer verließ, nachdem verhandelt worden war, es würden keine antifaschistischen Veranstaltungen rund um das „Annaberggedenken“ geplant, wenn kein Gedenken stattfände.
Im Mitteilungsblatt der „Kameradschaft Freikorps und Bund Oberland“, dem antisemitischen und antidemokratischen „Oberländer“ wurde jedoch von einem Gedenken berichtet. Dass die Gemeinde Schliersee davon wusste, war wegen der gegebenen Umstände naheliegend.
Schliersee und die Nazis 2010
Während in München am 8. Mai ein Naziaufmarsch der „Freien Nationalisten München“ mit nur 70 teilnehmenden Neonazis von über tausend Personen erfolgreich blockiert wurde, konnten in Schliersee am 9. Mai 90 Personen ungestört dem „Freikorps Oberland“ gedenken und danach in dem durchaus angesehenen Schlierseer Gasthof „Terofal“ ungestört feiern. Wegen des großen Polizeiaufgebots und des Berichts der „Ring Nationaler Frauen“ An der Gedenktafel an der Kapelle am Weinberg wurden schweigend Kränze niedergelegt. Reden und Lieder sind von der Polizei inzwischen verboten, weil sonst die Antifa u.a. Gutmenschen den „Aufstand der Anständigen“ praktizieren würden… ist es höchst unglaubwürdig, dass die Gemeinde von dem Gedenken nichts wusste.
Die Gemeinde Schliersee stört sich nicht an Alt- und Neonazis, sondern vor allem an den Protesten. Nicht nur die Gedenktafeln, sondern auch diese Strategie dürften dafür verantwortlich sein, dass Schliersee vermehrt zum Anziehungspunkt verschiedenster rechter Spektren wird. So konnte das „Freie Netz Süd“ unter Neonazikader Norman Bordin am 14.11.2009 ungestört eine „Heldengedenkfeier“ am Schlierseer Rathaus abhalten. Die „Freien Nationalisten München“ unter Philipp Hasselbach hielten einen „Nationalen Wandertag“ auf der Schliersbergalm ab, und die NPD -ebenfalls mit Philipp Hasselbach- veranstaltete eine Wahlkampfkundgebung am Schlierseer Bahnhof. Bei diesen Veranstaltungen waren auch regionale Neonazis, wie zum Beispiel der 17-jährige Michi H. aus Schliersee beteiligt, der unter der Obhut von Philipp Hasselbach im letzten Jahr die „Kameradschaft Miesbach“ gründete, die mit einer neonazistischen Fackelmahnwache vor dem Miesbacher Jugendzentrum das erste Mal in Erscheinung trat.
Aber auch in den Jahren zuvor waren schon regionale Neonazis in Schliersee aktiv. So nahm etwa Stefan Leitner aus Hausham, der versucht hatte, im Nachbardorf Hausham einen JN Stützpunkt (Jugendorganisation der NPD) zu gründen in der Vergangenheit am „Annaberggedenken“ teil. Nachdem er jahrelang nicht mehr gemeinsam mit Neonazis in Erscheinung getreten ist, scheint er nun bei der „Nationalen Solidarität Bayern“, einer bayerischen Neonazivereinigung aktiv zu sein. Am Trommel- und Fackelaufmarsch am 8. Mai in Fürstenried West, bei dem auch Mitglieder der Kameradschaft Miesbach anwesend waren, trat er als Trommler auf.
Ignorieren von Nazis ist wirkungslos
Die Strategie der Gemeinde Schliersee, sich nicht mit dem rechten Gedenken und der Anwesenheit von Nazis im Ort auseinanderzusetzen ging nicht auf, im Gegenteil, im letzten Jahr fühlten sich vermehrt Neonazis auch unabhängig vom „Annaberggedenken“ von Schliersee angezogen. Wenn dem nicht entgegengewirkt wird, bleibt Schliersee Anziehungspunkt für Nazis und Geschichtsrevisionist_innen unterschiedlichster Spektren.
In diesem Sinne, wehrt euch, kein Fußbreit den Faschisten in Schliersee und anderswo!
Habe gestern abend in rottach-egern und tegernsee (innenstadt) sehr viele nazi-aufkleber gesichtet. Am Sonntag wurde inder nähe des mc donalds sehr laut landser-musik gespielt, wir fanden dann ca. 10-15 nazis in einem garten beim grillen.
Auf dem Weg dorthin waren auch ca. 50 Aufkleber, an jedem strassenschild.
Bis bald
Patrik
die waren genau 10 leute und einer von denen wohnt dort
ok, wer sind „die“ und worauf beziehst du dich?
meldet euch bei r. borgwardt wenn ihr genaueres wissen wollt!