Hinter den Mauern der anderen

Vor kurzem habe ich sehr lange mit einem Freund darüber geredet, wie schwer es ist, Inhalte und Ziele von (queer-)feministischen Diskursen zu vermitteln.
Dabei wurde ich an eine Situation im Schullandheim in der siebten Klasse erinnert. Wir spielten irgendeines dieser Kreisspiele und mensch musste dabei verschiedene Begriffe erklären. Schließlich kam die Reihe an einen sehr netten Jungen mit dem Begriff „Feminismus“. Daraufhin lief er rot an und erklärte, er würde den Begriff nicht erklären wollen, weil er etwas mit Sex zu tun hätte. Offensichtlich hatte er -wenn überhaupt- nur eine unbestimmte Ahnung, was Feminismus bedeutet, spürte aber aus der gespannten Erwartungshaltung der anderen heraus und vielleicht aus den Gesprächen, die er bisher aufgeschnappt hatte und in denen der Begriff gefallen war, dass ein womöglich prekärer Begriff vorlag und schloss daraus, es sei etwas „unanständiges“.
In gewisser Weise hatte er damit natürlich Recht. Feministinnen und Menschen mit einem queeren Selbstverständnis, die sich den leider immer noch (auch wenn manche/r es leugnet) existierenden heteronormativen Rollenbildern verweigern, übertreten gerade hier auf dem Land ständig die Grenzen des sogenannten Anstands und greifen damit die Menschen um sie herum, die ihr gesamtes Leben nach diesen Anstandsregeln richten, sehr persönlich in ihrem Selbstverständnis an. Das macht es so schwierig über die Thematik zu reden. Es wird dabei aber auch klar, dass Antisexismus nie auf einer rein theoretischen Basis stattfinden kann, sondern immer auch eine persönliche Auseinandersetzung mit sich selbst und den anderen bedeutet.
Was die Thematik auch erschwert ist, dass hier die Theorie der Praxis so weit voraus ist, dass sie von vielen als völlig irreal und somit falsch abgetan wird.
In einer Gegend, in der junge Mütter auf Bauernhöfen sich immer noch nach dem Tagesablauf der Schwiegereltern richten und sich jeden freien Abend außerhalb des Hofs erkämpfen müssen während der Mann dreimal die Woche zum Stammtisch geht, in der die erzkonservative und reaktionäre „Aktion Leben für alle“ von der Stadt unter dem Begriff „Schwangerschaftsberatung“ verlinkt wird, ist erwartbar, dass queere Vorstellungen als vollkommen unwirklich und „gspinnert“ behandelt werden.
Letzte Woche traf ich einen Bekannten, der früher immer als Außenseiter und langweilig galt. Inzwischen hält er sich kaum noch im Landkreis auf. Weder seine Kleidung noch sein Auftreten waren unscheinbar und er hatte sich inzwischen als schwul geoutet. Innerhalb eines Jahres hat sich der Bekannte nach außen komplett verändert. Diese Veränderung freut mich natürlich einerseits um seinetwillen, andererseits schockiert mich auch die Vorstellung, wie krass der Bekannte sich um den Preis der ebenfalls sehr unangenehmen Rolle als Außenseiter jahrelang nach außen hin verleugnet hat, wahrscheinlich aus Angst vor der noch unangenehmeren Situation als „der Schwule“ abgestempelt zu werden. Die wenigen geouteten Homosexuellen in der Stadt kennt fast jede_r, auch wenn mensch noch nie ein Wort mit ihnen gewechselt hat. Sie stehen unter ständiger misstrauischer und neugieriger Beobachtung und müssen mit der unfreiwilligen Prominenz klar kommen, was freilich nicht jedermenschs Sache ist.
Die soziale Kontrolle halte ich auch für ausschlaggebend, dass gerade die Akzeptanz von Homosexualität oder von Menschen, die sich gegen die vorgegebenen Geschlechterrollen, oder gar gegen die Zweigeschlechtlichkeit wehren, aber auch von Krankheit, nicht nur psychischer sondern auch physischer, auf dem Land soviel geringer ist als in der Stadt. Der sozialen Kontrolle kann sich niemand hier entziehen und es wäre gelogen zu behaupten, ich könnte es. Wer gegen die Regeln verstößt, ob freiwillig oder unfreiwillig ist Opfer des Klatschs und der Folgen, was dazu führt, dass mensch sehr vorsichtig mit Informationen umgeht, mit denen mensch sich zum Gesprächsthema machen könnte. So werden auch eigentlich emanzipierte Menschen zu Kleinbürger_innen, die sich -wörtlich und metaphorisch zu verstehen- mit blickdichten Hecken und Mauern umgeben und aufgeregt auf den neuesten Klatsch warten, was hinter den Mauern der anderen passiert.


5 Antworten auf “Hinter den Mauern der anderen”


  1. 1 bubi 06. Februar 2010 um 23:20 Uhr

    schöner text.
    erinnert mich an meine zwischenstation im jugendalter in einem dorf im erzgebirge, in welches ich mit meiner alleinerziehenden, arbeitslosen, aber in allem emsig selbtbestimmten mutter aus der großstadt zog. die zeit war grauenhaft. nach dem rumbringen der nötigen jahre zogen wir beide wieder weg.
    auch erinnert es mich an einen moment unter dusche: griff zum rasierer, ähm, „ladyshave“ und die überlegung: tu ich’s oder tu ich’s nicht? und dann der gedanke: „zack – wieder drin in der norm“. wenigstens konnte ich kurz lachen…

  1. 1 Erklär doch mal, was Feminismus ist… « mädchenblog Pingback am 07. Februar 2010 um 10:54 Uhr
  2. 2 Die Provinz « medium – wenn schon n3rd, dann richtig! Pingback am 08. Februar 2010 um 14:25 Uhr
  3. 3 Disziplinierendes Oberbayern « bikepunk 089 Pingback am 08. Februar 2010 um 15:59 Uhr
  4. 4 Twitter Trackbacks for Hinter den Mauern der anderen « randale&liebe [blogsport.de] on Topsy.com Pingback am 08. Februar 2010 um 21:39 Uhr

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>