Der oberbayerische Schauspieler und Autor Josef Bierbichler und sein Roman Mittelreich wird zumindest in der linksbürgerlichen Presse hochgelobt („Er ist ein Ereignis in diesem Bücherjahr“ Spiegel, „Ein archaisches Generationenbuch ohne Heimatnostalgie“ Die Zeit). In der konkrekt bezieht der Autor, der „wie die Axt im Walde gegen Gschaftlhuberei und Nationalsozialismus wütet“ (FAZ), in klaren Worten Stellung zu Eigentum und dem Verhältnis von Landbevölkerung und städtischem Proletariat:
„Welche Rolle spielt dann der Besitz als Doppelgeschichte? Als ökonomisches Instrument und als familiärer Fluch, an den alle irgendwie gebunden sind, im guten wie im schlechten.
Ich habe Besitz immer erst mal gesehen als das Eigentum an Produktionsmitteln der Bauern. Das war aber, bei den Kleinbauern zumindest, immer so wenig, daß Ausbeutung nur ganz begrenzt möglich war. Ein Mehrwert war nicht zu haben. Es gab ein paar einzelne Großbauern die sich Knechte und Mägde leisten konnten, die sie dann entsprechend ausgebeutet haben. Gerade in den Getreideanbaugegenden Niederbayerns gab es schon ganz klare Ausbeutungssysteme. Aber für die klassischen Kleinbauern war das Land ein Produktionsmittel, die konnten es deswegen nicht veräußern, darum gab es auch keine Teilung bei der Erbschaft. Immer einer hat das Ganze bekommen, die anderen sind ausgezahlt worden bzw. mußten verschwinden auf andere Höfe als Knechte. “
(…)
„Dann gibt es ein irrationales, ein gespaltenes Verhältnis zum Boden? Mit dem »Blut und Boden« – Mythos der Nazis, aber auch der Heimatfilme hat es ja überhaupt nichts zu tun, daß aus dem Produktionsmittel auch ein Spekulationsobjekt werden kann.
Der Boden war immer nebenher das Produktionsmittel, aber gleichzeitig ist ein Verhältnis zum Besitz tatsächlich entstanden, und das hat zu einer Abgrenzung im Bewußtsein gegenüber der besitzlosen Arbeiterschaft geführt. Das habe ich tatsächlich noch mitgekriegt: Die Arbeiter sind als Störenfriede angesehen worden, wenn sie gestreikt haben. Deren Aufgabe war eigentlich, zufrieden zu sein, wenn sie eine Arbeit haben. Von Arbeitern haben sich Bauern diesbezüglich immer bedroht gefühlt, weil sie gemeint haben, sie neiden ihnen das Besitztum. Das Besitztum, das eigentlich eh nichts wert war, außer daß es eben ein Produktionsmittel war und daß man die Arbeit selber leisten konnte. Daß man die eigene Arbeit nicht verkaufen mußte, das ist das Privileg der Bauern gewesen. Oft schon das einzige.“


